> Jutta Ditfurth
Was tun? Und mit wem? Abschiedsblog.
Dies ist mein vorerst letzter Blog-Beitrag. Ich bedanke mich sehr herzlich für die lebhafte und kontroverse Diskussion. Vorher hatte ich das Vorurteil, dass Blog-Debatten oft nur aus hingerotzten Bemerkungen und wüsten Beschimpfungen bestehen. Das mag ja sein, hier war es nicht so, hier wurde richtig diskutiert. Das war eine interessante Erfahrung. In nächster Zeit werde ich nicht bloggen, oder falls einmal wieder, erfahrt ihr das auf meiner website unter »JuDit bloggt«. Jetzt werde ich an meinen Büchern und anderen Texten weiterarbeiten, auf Lesereise gehen – außerdem gibt es politisch viel zu tun, links und vorzugsweise außerparlamentarisch. Vielleicht sehen wir uns beim »Bundesweiten Rebellionsgespräch« am 10./11. Oktober (siehe unten), vielleicht auf einer der nächsten guten Demos. Herzlichen Dank und tschüss!
Aber vorher noch einige Thesen zu den
1. PERSPEKTIVEN:
Wir erleben mit der Weltwirtschaftskrise nicht den Anfang vom Ende des Kapitalismus, wie einige gehofft hatten, sondern wir beobachten, wie der Kapitalismus sich auf Kosten der Ausgebeuteten und Erniedrigten »gesundschrumpft«, um »modernisiert« sowie autoritärer und mörderischer denn je aus der Weltwirtschaftskrise hervorzugehen.
Damit die sozialen Probleme hier nicht zum Aufstand führen
müssen die Folgen der Krise in den Trikont ausgelagert werden, so dass sie Nicht-Deutsche treffen. Da das nicht ganz gelingt, braucht es auch innerhalb der BRD Instrumente der Unterdrückung und Befriedung. Die Hitliste führen an:
1. Befriedung. Zum Beispiel durch Billigstkonsum. Ohne Textilien, Kinderspielzeug etc aus China gäbe es Legitimationsprobleme.
2. Propaganda. Also Ablenkung und die Täuschung über die realen Zustände. Also Tageschau, Esoterik, Horst Köhlers Weihnachtsansprachen.
3. Überwachung und Bespitzelung. Würden sämtliche antidemokratischen Möglichkeiten dieses Staates auf einmal und zur gleichen Zeit eingesetzt, lebten wir sichtbar in einer Diktatur.
4. Repression. Amtsschikanen, psychische Bedrohung, Denunziationen bei Ausbildern und Betriebsleitungen, Berufsverbot, Schläge, Prügel, Einkesselung, Freiheitsberaubung, Überwachung, Psychiatrisierung, Sicherheitsverwahrung auch von Jugendlichen. Für beinahe jedes soziale Milieu gibt’s die passende Repression. So funktioniert soziale Spaltung in einer entsolidarisierten Gesellschaft.
5. Militarisierung. Krieg gegen Jugoslawien (mit Hilfe von SPD/Grünen), Krieg in Afghanistan (dank SPD und Grünen). Schritt für Schritt wird deutsches Militär auch im Inland eingesetzt, Beispiel: der G-8-Gipfel von Heiligendamm im Juni 2007.
Bald nach der Wahl wird es Millionen neue Arbeitslose und ihre Angehörigen geben. Sofern sie sich nicht ihr »Schicksal« und in Hartz IV ergeben, wird die soziale Frage mit Hilfe von Polizei und Justiz »gelöst«, notfalls mit Hilfe von Heimen, Sicherheitsverwahrung und Psychiatrien. Die soziale Ordnung in Deutschland bleibt eine Gefängnisordnung.
Soziales Elend bringt keine automatische Linksentwicklung, schon gar nicht im autoritären, reaktionären Deutschland. Hier hat linker Widerstand keine erfolgreiche Tradition. Ein emigrierter Jude, vor deutschen Mördern geflohen, brachte erst in den 1960ern das Recht auf »résistance« nach Deutschland zurück. Herbert Marcuse sagte: »Ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein ›Naturrecht‹ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. […] Es gibt keinen anderen Richter über ihnen außer den eingesetzten Behörden, der Polizei und ihrem eigenen Gewissen. Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte.« (Aus: Repressive Toleranz, 1964)
In der letzten Rede vor seinem Tod, im Juni 1968, stimmte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, dem wir verdanken, dass es die Auschwitzprozesse in den 1960ern gegeben hat, explizit diesen Aussagen Marcuses zu: »Das ist ganz in Übereinstimmung mit dem, was Gemeingut der Rechtsgeschichte ist.«
Wenn es also darum geht, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, wie Karl Marx es formulierte, ist die herrschende Ordnung zu erschüttern. Es ist die schönste vorstellbare Utopie, in einer Welt zu leben, in der alle Menschen, die Chance haben, ihr ganzes soziales, intellektuelles und kreatives Potenzial frei zu entfalten. Ein menschenwürdiges Leben für alle in einer Gesellschaft ohne Lohnarbeit und Kapital und ohne das grenzenlose Wachstum des kapitalistischen Wirtschaftens mit seinem Zwang zu Profit, Konsum und Konkurrenz.
Ereignisse wie die Weltwirtschaftskrise produzieren für kurze Momente in der Geschichte flüchtige Zeitfenster, Risse, in die wir Widerhaken werfen können, bevor die mörderische alte Ordnung sie wieder zuschmiert.
Also: Was tun? Theorie, Aktion, Organisation. Kopfarbeit, lesen, denken, streiten, klüger werden. Ohne Praxis und Aktion schläft die Theorie aber im Elfenbeinturm. Der theorieblinden Praxis wiederum droht die Sektierei oder die Kriminalisierung. Also Aktion und Theorie. Was aber sind beide aber ohne Organisierung? Organisierung ist im Land der unverbindlichen, von Mittelschichtskids geprägten »Netzwerke« auch so ein Tabu, das den Herrschenden gefällt. Was tun also?
Bündnisse funktionieren nicht unterhalb eines gewissen Niveaus. Das Ziel ist klar: Kapitalismus abschaffen. Das geht nicht mit sozialdemokratischen Organisationen, egal ob SPD oder Linkspartei. Das ist klar:
– seit der SPD/Linkspartei-Koalition in Berlin,
– seit dem Deutschen Herbst 1977,
– seit den Notstandsgesetzen von 1968,
– seit Bad Godesberg und der Absage der SPD an den Antikapitalismus (1959)
– seit Ebert und Noske und der verratenen Novemberrevolution von 1918/19.
Konsequenz: Bündnisse der antikapitalistischen und staatsunabhängigen Linken sind: antinationale und reformismusfreie Zonen!
Die Arbeiterklasse existiert – soziologisch. Aber nicht mehr als das klassische revolutionäre Subjekt, denn sie hat kein kollektives Bewusstsein ihrer selbst als revolutionäre Klasse. Also, mit wem? Unsere potenziellen Bündnispartner sind: mit dem politisch bewussten Teil der Arbeiterklasse, mit Migranten, Subproletarierinnen, Straßenkindern, Schülern, Studentinnen, Leiharbeiterinnen, Künstlern, Hartz-IV-Empfänger, Intellektuelle. Klar, das ist mühsam. Aber auch ziemlich interessant über den spießigen Tellerrand des eigenen Milieus zu schauen. Aber man kann tatsächlich mit Leuten Revolte machen, die nicht die gleiche Musik mögen wie man selbst. Aber, ich gestehe die Grenzen meiner Toleranz: auf ewig ausgeschlossen sind volkstümliche Musik, Operette und Marschmusik.
Unser Ziel ist eine Gesellschaft, die auf Solidarität aufbaut und auf sozialer Gleichheit, in der es keine Ausbeutung und keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt, eine Gesellschaft, in der wir basisdemokratisch entscheiden, wie wir leben und arbeiten wollen. Das ist ein tollkühner Plan. Den Weg, durch den wir dieses Ziel erreichen könnten, nennen wir soziale Revolution. Einverstanden.
Und wie wird die Sache ausgehen? Das soll Marx beantworten: »Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen werden würde.«
2. EINLADUNG ZUM BUNDESWEITEN »REBELLIONSGESPRÄCH«
Ich lade diejenigen, die mit dem Inhalt meiner Blog-Beiträge etwas anfangen konnten, zum bundesweiten Rebellionsgespräch der Ökologischen Linken ein. Auch diese Diskussion ist eine antinationale und reformismusfreie Zone…
Thema: »Was kommt nach der Weltwirtschaftskrise? – Ruhe? Aufruhr? Widerstand?«
Datum: Sa. 10.10.2009,15:00 Uhr bis So. 11.10.2009,16:00 Uhr
Ort: Frankfurt/Main. Eintritt kostenlos. Mit der Anmeldebestätigungwird der Ort bekannt gegeben.
Anmeldung bitte über: jutta.ditfurth@t-online.de
Zum Inhalt: Das Land in dem wir leben: Millionen neue Arbeitslose, Schutzlosigkeit, Sklavenarbeit und Lohnraub. Weltweite Raubzüge auch deutschen Kapitals. Lebensgefährlicher Klima»wandel«. Ein aufgerüsteter Atomstaat. Kriege mit deutscher Beteiligung. Mit Sicherheit in einer Überwachungsgesellschaft. 2010.Wenn es das Ziel allen linken politischen Handelns ist, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx 1844) – wo stehen wir heute?
3. EINLADUNG ZU MEINEN NÄCHSTEN VERANSTALTUNGEN:
»Zum 75. Geburtstag von Ulrike Meinhof: Szenische Lesung –Ermittlungen über Ulrike Meinhof (mit Bildern und Fundsachen)«
Mi. 30.9.2009, 20:00 Uhr, WUPPERTAL, Forum Maximum im Rex-Theater, Kipdorf 29, 42103 Wuppertal-Elberfeld, Tel. 0202/426 55 45, Fax 0202/426 55 41. Tickethotline: 0202/44 11 59, eMail: info@rex-theater.de, Eintritt: AK: 14 Euro / ermässigt: 11 Euro, VVK: 11 Euro
Mo. 5.10.2009, 20:00 Uhr, HAMBURG, Theater »Polittbüro«, Steindamm 45, www.polittbuero.de, Eintritt: 15 Euro / ermäss. 10 Euro
Di. 6.10.2009, 20:30 Uhr, BERLIN, Berliner Ensemble, Pavillon, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin, VVK: http://www.berliner-ensemble.de/spielplan.php?c=1&date=2009-10. Eintritt: 7 Euro.
Mi. 7.10.2009, 20:15 Uhr, STUTTGART, Theaterhaus, Spielort Glashaus, Siemensstr. 11, 70469 Stuttgart, Eintritt: 9 Euro
sowie
Lesung & Diskussion zu Zeit des Zorns
Di. 13.10.2009, 20:00 Uhr, FRANKFURT/MAIN, Eröffnungsveranstaltung der GEGENBUCHMASSE, KOZ (Kommunikationszentrum) im Studierendenhaus, Campus Bockenheim, Universität Frankfurt/Main, Mertonstr. 26-28, 60325 Frankfurt/Main. Veranstalterin: antifa [f]. Eintritt frei
Alle weiteren Veranstaltungen siehe: www.jutta-ditfurth.de
4. MEINE BÜCHER
• Ulrike Meinhof. Die Biografie, 480 S., Hardcover: Berlin: Ullstein 2007, 22,90 Euro. Taschenbuch: Berlin: Ullstein Taschenbuch Verlag 2009, 9,95 Euro. Mehr: http://www.jutta-ditfurth.de/ulrike-meinhof/Klappentext.htm
• Rudi und Ulrike. Geschichte einer Freundschaft, 250 S. (mit Fotos), Hardcover, 16,95 Euro. Mehr: http://www.jutta-ditfurth.de/rudi-ulrike/Bild/Vorschau-Ditfurth-Rudi-Ulrike.pdf
• Zeit des Zorns. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft, 272 S., München: Droemer 2009, 16,95 Euro. Mehr: http://www.jutta-ditfurth.de/Zeit-des-Zorns/ZeitdesZorns-Info.htm
5. HINWEISE:
Der ungekürzte und unveränderte Blog-Text darf unter folgenden Auflagen nachgedruckt werden:
1. Direktlink zu: http://blog.prinz.de/wahl09/
2. Direktlink zu: www.jutta-ditfurth.de





Stephan Knoblauch
28.09.2009 | 12:58
Hallo,
ja, nun haben wir ein Ergebnis, was wohl so keiner wollte.
Die SPD ist, wenn sie sich nicht von Hartz IV verabschiedet und neue Soziale Inhalte findet, nahezu am Ende.
Was kommt mit Schwarz-Gelb auf die Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland zu? Wird die Bevölkerung jetzt für die Krise, die sie nicht verursacht hat, zahlen müssen?
Und kaum ist die Wahl vorbei, kommen von der Wirtschaft auch schon erste Forderungen: DIHK-Präsident Driftmann verlangt Einschnitte in Soziale Netz.
Und die FDP? Kann es sein, das sie mit Ihrem hohen Abschneiden bei der Bundestagswahl jetzt weiter fortfahren wird, Erwerbslose weiter zu demütigen und zu denunzieren? Müssen sich Erwerbslose auf härtere Zeiten einstellen müssen?
frjo
28.09.2009 | 13:24
Ganz kurz:
Vielen Dank, Jutta!
Was steckt hier eine Arbeit hinter…
In meinen Augen ist auf den ersten Blick der worst case erreicht, die Tigerenten-Koalition.
Auf den zweiten findet die SPD evtl. wieder zu ihren Wurzeln zurück, sie war irgendwann mal die Partei der Arbeitnehmer, eine “Volkspartei”, ist aber lange her!
Auch auf den zweiten Blick erwarte ich, wie bereits früher erwähnt:
wenn das, was diese Parteien planen, durchgezogen wird, dass endlich die Gewerkschaften durchgreifen.
Nach dem Motto “Wir sind das Volk”!
Kriegsgegner
28.09.2009 | 14:43
Ich weiß ja nicht wer von Euch alles auf Hartz-IV angewiesen ist? Ich zumindest schon und eine Besserung wird es auch nicht geben. Die FDP wird hingegen noch massiver den Hammer schlagen als die SPD es schon tat. Wir können uns warm an ziehen. Obdachlosigkeit, schärfer Sanktionen bzw. auch mal im Monat gar kein Geld haben, werden bald zur Tagesordnung in Deutschland gehören. Der Niedriglohnsektor und Umsonstarbeiten zu gehen werden bald Realität werden. Ein Blick in die USA zeigt uns doch deutlich, auf welchem Nivaue wir noch sinken können.
Die FDP versprach mehr für Bildung, Arbeit, Gesundheit und Steuern zu tun. Und ihr werdet sehen, diese Versprechungen werden sie zu gunsten der Reichen und zu Lasten der Armen radikal durchpeitschen. Guido Westerwille war nicht umsonst so pervers rhetorisch geladen gewesen, bei der gestrigen Elefantenrunde in Berlin.
Ute
28.09.2009 | 17:35
Vielen Dank auch für Ihre Courage...
Ein Thema möchte ich ergänzend noch anschließen an Ihre Analysen - das Thema Börsenspekulation, womit sich der Finanzkreislauf ja regelrecht abgekoppelt hat von der eigentlichen Wertschöpfung durch die arbeitende Bevölkerung. Und dieser Umstand in mittlerweile wahnwitzigen Dimensionen (Stichwort “Derivate”) hat ja nicht nur die Finanzkrise ausgelöst, sondern scheint auch die Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der Menschen immer weiter zu befördern, welche außerhalb dieses Geldsystems stehen - man ist einfach der Annahme, daß sie überflüssig geworden sind. Und die Banker durften (und dürfen) sich wie Götter fühlen, weil sie offenbar glauben, den Schlüssel zur unendlichen Geldvermehrung gefunden zu haben. Die Politik aber kann der Versuchung nicht wiederstehen, auch ihren Teil von diesen Spekulationsgewinnen abhaben zu wollen - siehe USA, wo ein Großteil der Staatseinnahmen eben von den “Erfolgen” der Banken abhängig ist. Wirkliche Werte werden durch Menschen geschaffen - Geld aber kann heute allein durch Geld “verdient” werden. Und das ist es ja, worum es leider einzig noch geht - bis eines Tages vielleicht die Einsicht entsteht, daß man Geld nicht essen kann. Doch ehe diese Einsicht die Vermögenden und Reichen trifft, werden andere den Preis bezahlen müssen.
frjo
28.09.2009 | 18:00
Mal ausnahmsweise etwas musikalisches...
Hannes Wader:
http://www.youtube.com/watch?v=mbK6mQ_VbKI
Ein faszinierender song, der hier ins Thema passt…
Helmut Paul
28.09.2009 | 18:05
Ein bundesweites Rebellionsgespräch?
Sehr einverstanden, auch mit den von Jutta Ditfurth gezogenen Schlussfolgerungen. Was aber ist genau links und wer darf sich außer uns erlauben, linke Positionen zu vertreten? Das sollte klarer gesagt werden. Die Alternative zum Kapitalismus muss für die Mehrheit der Bürger verständlich sein und somit als erstrebenswertes Ziel erkannt und verinnerlicht werden. Und dann aufklären und gewinnen! Das dauert und dauert!
Andere linke Strömungen dürfen wir nicht beschimpfen, sondern konstruktiv kritisieren mit unendlicher Geduld und Gelassenheit. Wie steht es mit kommunistischen Positionen, beispielsweise mit der 1990 neu gegründeten KPD? Das von der Berliner DKP vorgelegte Wahlprogramm konnte sich doch sehen lassen. Oder nicht?
Ein autoritäres, reaktionäres Deutschland?
Bitte liebe Jutta Ditfurth die Worte sorgfältiger wählen! Längst nicht alle Deutschen stehen für ein autoritäres und reaktionäres Deutschland. Da hat sich doch in den zurückliegenden Jahrzehnten viel getan, wenn auch bei weitem zu wenig.
Ich will verstehen, warum die Mehrheit der Wähler sich für Schwarz-Gelb entschieden hat. Ja, auch weil vielen Deutschen der Kapitalist im eigenen Lande näher steht als der arme Schlucker in Afrika. Zu wenige Menschen in Deutschland und Europa haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Wohlstand auf Kosten anderer Völker genießen, sie denken nicht an Kinderarbeit, an Blut und Schweiß Unterdrückter und Ausgebeuteter in der ganzen Welt.
Viele Menschen in Deutschland haben Angst, sehen ihre mühsam errungene Existenz gefährdet, wollen Besitzstände wahren und meinen nun, verbunden mit gewisser Untertänigkeit und Gläubigkeit, in der Union und der FDP ihre Beschützer gefunden zu haben.
Sie sind sich ihrer Lage und der aller Ausgebeuteten einfach nicht bewusst und lassen somit solidarisches Verhalten vermissen.
Dabei trifft sie keinerlei Schuld. Es ist Unwissenheit und ein über die Jahrhunderte gebildete Gedankenwelt, die von Generation zu Generation weiter gegeben wird und sich nur ganz allmählich fortschrittlichen Ideen öffnet. Wir können es am eigenen Verhalten ablesen. Vor 50 Jahren gab es kein umweltschonendes Verhalten im Alltag, was jetzt für die Mehrheit selbstverständlich geworden ist.
Ich wiederhole mich: Wir brauchen Geduld!
Welchen unsagbaren Schaden haben die Religionen in der Welt angerichtet und richten ihn weiter an. Der Glaube an ein höheres Wesen baut vor den Hirnen der Gläubigen riesige Wachen auf, die zu überwinden viel aufklärerischen Aufwand erfordert, gegen den erbitterten Widerstand der Würdenträger.
Kapitalismus und Religion, dieser Zusammenhang ist in unseren Diskussionen m.E. zu kurz gekommen.
Aufklären, aufklären und aufklären. Jutta Ditfurth leistet dazu wertvolle Beiträge, und ich werde ihre Veröffentlichungen weiter aufnehmen und dort, wo ich kann, sie verbreiten helfen.
Schlappschuh
28.09.2009 | 23:54
Omg Jutta :-(
Hallo Jutta, dass Du voll ausgelastet bist ist klar aber bitte gib doch nicht ein so wichtiges Medium wie das Internet bzw. vorallem das sogenannte (Mitmach) Web 2.0 auf! Gerade als linke Aktivisten sollte man diesen virtuellen aber noch relativ freien und alle Distanzen schnell überwindenen Raum nicht aufgeben!
Wäre nicht wenigstens ein Blog drin, der, einmal im Monat zu einem bestimmten Termin einen Eintrag von Dir enthält? Das wäre schon ein Grund den Blog gebookmarkt zu halten und weiter zu empfehlen!
Roberto J. De Lapuente
29.09.2009 | 08:17
Liebe Jutta,
was Du unter den Punkten eins bis fünf aufbietest, sollte eigentlich - getreu des Titels Deines letzten Buches - eine “Zeit des Zorns” aufkeimen lassen. Warum dem so nicht ist, führst Du ja auf. Die Befriedigungs- und Schikanemaschinerie, Zuckerbrot und Peitsche letztlich, werden perfektioniert.
Und dann ist da noch Marcuse, mit dem sich viel zu wenig Menschen befassen. Das Lesen des “eindimensionalen Menschen” war damals für mich ein Moment der Emanzipation. Endlich sprach da jemand aus, was unausgesprochen immer in mir war, endlich wußte einer meinen natürlichen Freiheitsdrang zu beschreiben. Aber nicht nur das, er konnte ihn stichhaltig rechtfertigen und hat ihn damit nicht zur Fehlfunktion in meinem Naturell degradiert (wie gelegentlich mein Vater beispielsweise, auch wenn er es nicht so grob formulierte), sondern zur Normalität meines Daseins, eines jeden aufgeklärten Daseins schlechthin.
Oh ja, es gilt das Potenzial der Entrechteten und Unterdürckten zu bündeln. Einen gemeinsamen Nenner zu finden, der ja per se schon in der Tatsache gegeben ist, entrechtet und unterdrückt zu sein. Davon sind wir aber weit entfernt. Rentner wollen das faule Hartz-Pack in Lager stecken, Hartz IV-Opfer schimpfen über teure Rentner, Studenten leben größtenteils ihre Egomanie aus, was kein Wunder ist, denn der Großteil der Studentenschaft stammt aus reichem Hause. Vielleicht kann Schwarz-Gelb zur Vereinigung beitragen. Nachdem sie damals wiedervereinigt haben, könnten sie zur Abwechslung mal mit ihrer Arroganz und ihrer Bereitschaft, den letzten Rest Sozialstaat zu zerschlagen, für eine Vereinigung ihrer Opfer sorgen.
Wie es auch kommt, liebe Jutta, vielen Dank für dieses Blog. Es wird mir fehlen. Ansonsten viel Erfolg bei dem, was Du nun tust. Vielleicht bloggst ja doch noch ab und an. Mich würde es freuen.
Jutta Ditfurth
29.09.2009 | 11:08
Zur Frage, ob ich nicht doch weiterblogge...
Viele fragen mich, ob ich nicht weiterbloggen könnte. Es hat mir auch ein solches Vergnügen gemacht, dass ich darüber nachdenken werde. Erstmal muss ich angestaute Arbeit erledigen, auf Ulrike-Meinhof-75. Geburtstag-Tournee gehen, dann kommt das Rebellionsgespräch am 10./11. Okt. in Frankfurt/Main, anschließend die Frankfurter Buchmesse.
Schaut bitte einfach ab Mitte Oktober ab und an auf meine website (www.jutta-ditfurth.de) unter »JuDit bloggt«, dort wird dann stehen, ob und wann und wo ich vielleicht doch wieder blogge. Vielen herzlichen Dank für Eure Beiträge. Macht’s gut. Tschüss!
Roberto J. De Lapuente
29.09.2009 | 13:03
Dass Du es Dir überlegst, ist ein feiner Zug von Dir :)
E. Bonacker
30.09.2009 | 11:32
Gedicht
Feuerherz
völliges Chaos
wankende Giganten kippen
Weltfremde feiern letztes Fest
Blutgeld
Eine Arbeiterin
Tlaxcala
30.09.2009 | 14:23
Que faire ? Et avec qui ? Blog d’adieu et prochains rendez-vous
Die französische Fassung dieses Beitrags ist hier zu lesen/la version française de cet article est à lire ici: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8834&lg=fr